Kugelblitz

01.09.2013 11:00

Broadcast yourself: Mit zahllosen Optionen zur Befestigung von Film- und Fotokameras betreibt die Raul-GS eitle Nabelschau. Ihr Selbstbewusstsein profitiert von einem Leistungskit, das ihr bis zu zehn PS mehr auf die Rippen packt.

Cristiano Ronaldo ist auch so ein Kotzbrocken. Schön, reich, durchtrainiert, und sobald man eine Kamera auf ihn richtet, macht er elegante Bewegungen, tänzelt affektiert herum und drischt den Ball ins Netz. Nichts ist schlimmer als eitle Typen, über die man sich schlecht lustig machen kann.

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Wenn sich ein bodenständiges bayrisches Massenmodell zum Weltstar herausputzt, liegt die Spott-Hemmschwelle natürlich besonders tief. „Voll Porno!“, lästert der Kollege angesichts eloxierter Deckel. „Ein bisschen peinlich“, meint der Volo. „Sieht schneidig aus“, freut sich die Liebste daheim, und meint zum Glück diesmal nicht Ronaldos kurze Hosen, sondern die 2900 Euro teure Dreifarben-Lackierung, die das Alltagsmobil fürs Showgeschäft rüstet. Macht auf jeden Fall was her.

Sowieso: Wenn sich ein Motorrad das Recht zu einer gewissen Arroganz verdient hat, dann die GS. Auf jedem Untergrund nur schwer zu schlagen, dominiert sie die Zulassungszahlen wie Jürgen Drews die Ballermann-Hitparade. Ein Motorrad, das mancher allein deshalb nicht fahren will, weil es einem in jeder zweiten Kurve begegnet.

Gar nicht so leicht also, die BMW zum Gesicht in der Masse umzugestalten. Zumal die Raul-GS – Überraschung! – eher milder klingt als die zur Pöbelei neigende Serien-BMW. Ohne jeden Auspuffklappen-Trick verteilt die SR-Komplett-Anlage ihren Bass souverän übers Drehzahlband. Zirka 120 PS und 125 Newtonmeter verspricht Raul für seinen Kit eins, bei dem der Auspuff nicht eingepreist, als Leistungsträger aber eingeplant ist. Modifizierte Ansaugwege, Sportluftfilter und ein tiefer Griff in die Software der Serien-CDI sollen die Kuh fliegen lassen. Mit Spitzenwerten von 112 PS und 116 Newtonmetern gibt die 22 000 Kilometer alte Test-GS auf unserem Dynojet zwar eine eher zurückhaltende Vorstellung, liegt aber immer noch klar vor dem zuletzt gemessenen Serienexemplar aus dem Jahr 2012.

Keine Kompromisse: Raul entfesselt nur so viel Leistung, wie die GS ohne Praxiseinbußen verkraften kann.

Sind drei Zusatz-PS in der Spitze noch kaum der Rede wert, lässt die zwischen 3500 und 7000 Touren bis zu zehn PS stärkere Mitte manchen GS-Fahrer wie von selbst zum Überweisungsträger greifen. Saubere Gasannahme und spontaner Schub geben Raul recht, der seriennaher Feinarbeit den Vorzug vor Radikaltuning per Nockenwelle oder Leistungskolben gibt. „Massive Eingriffe bedeuten meist viel Geld für weniger Zuverlässigkeit“, meint Raul-Techniker Heiko Fronz, „wir haben eine bezahlbare Verbesserung geschaffen, die den maximalen Kompromiss aus Preis, Lieferzeit, Eingriff auf der einen Seite sowie fühl- und messbarem Gewinn andererseits hergibt“.

Garniert mit dem vorzüglichen, elektrisch verstellbaren Öhlins-Fahrwerk und bissigeren Bremsbelägen ist der Gewinn des Raul-Tunings tatsächlich spürbar. Der blaubunte Boxer geht  besser als jede von BMW vorbereitete Serien-GS, die es bisher in unsere Testgarage geschafft hat. Und das will was heißen. Die voll aufgebrezelte Raul-GS dagegen bleibt mit knapp 28 000 Euro inklusive allem Zubehör etwas für Leute, für die das Schöne und das Reiche irgendwie zusammengehört.

Quelle: Motorrad News Tuning & Customizing, von Guido Bergmann, Fotos Guido Bergmann/Sophie Schatter


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